Thielemanns Alpen-Tour

Gipfelsturm

Bis Sonntag online abrufbar

Thielemann dirigiert Strauss und Schönberg

Im Ö1-Streaming: Der Livemitschnitt vom Sonntag vormittag: »Verklärte Nacht« und »Alpensinfonie«.

Die »Alpensinfonie« unter Thielemann, das ist längst eine Wiener Legende. Seit dem Debütkonzert des Maestros anno 2000 hat sich eine symbiotische Beziehung mit den Philharmonikern entwickelt, die Hörerlebnisse garantiert, wie man sie einst nur in Konzerten jener Dirigenten haben konnte, denen die Musiker sozusagen blind vertraut haben – und umgekehrt, versteht sich: So war’s bei Böhm oder Karajan, bei denen ein Augenaufschlag genügte, um sogleich klangliche Ergebnisse zu erzielen.

MIT STRAUSS‘ »LANDKARTE«

Unter den heutigen Interpreten erreicht wohl nur Thielemann eine vergleichbare künstlerische Intimität. Wenn er sich heute wiederum in einen Bergführer für eine Wanderung nach Richard Strauss‘ Landkarte verwandelt, dann gelingen ihm – erstaunlicherweise bei zügigeren Tempi! – noch prägnantere, noch naturgetreuer belichtete Bilder, denn die dynamische Palette, die man mittlerweile erarbeitet hat, ist ebenso reich geworden wie die Kunst, melodische Entwicklungen in geschmeidige, durch unzählige Farbvaleurs differenzierte Linien zu verwandeln.

Das Schönberg-Ereignis

Die erreichte Präzision ist staunenerregend, vom blitzsauberen Trompetensolo »auf dem Gipfel» bis zum Espressivo der Oboe versteht sie sich keineswegs nur auf die Technik, sondern auch auf den musikalischen Ausdruck.

FÜR RADIOHÖRER: ZUM MITLESEN

So bezwingt man nicht nur in der »Alpensinfonie« die höchsten Höhen, sondern auch in Arnold Schönbergs »Verklärter Nacht«, in der die versammelten Streicher das erste musikalische Naturereignis dieses philharmonischen Vormittags zelebrierten. Was Thielemann mit den Wienern in diesem Werk erreicht, steht – nimmt man die Erfahrungen, die der Musikfreund im großen Musikvereinssaal machen durfte – nur an der Seite der Auftritte der Berliner Kollegen unter Karajan: Auch damals bestaunte man, wie die Mühen jahrzehntelanger konsequenter gemeinsamer Arbeit an Dynamik, Phrasierung und Tongebung vollkommen in einem sinnlichen, rauschhaften Klangerlebnis aufgingen.

Wenn die Geigen »singen«

Die Opernerfahrung der Wiener beschert in diesem Fall noch einen bemerkenswerten Mehrwert. Ein Beispiel: Die ausdrücklich »innig und warm« zu musizierende Des-Dur-Melodie wird von den Primgeigen förmlich gesungen, noch innerhalb einzelner Töne kantabel modelliert; zwei Takte später, sobald die Bratschen vorschriftsmäßig »ausdrucksvoll, doch zart hervortreten«, zeichnen dieselben Spieler mit feinstem Pinsel eine Begleitlinie.

FÜR RADIOHÖRER: ZUM MITLESEN

Mit solchen Herrlichkeiten geht man demnächst auf Tournee. Wien darf die Vorbereitungen erleben: Nächstens folgt Bruckners Achte!